Shinrin Yoku – Achtsamkeit im Wald

„Waldbaden (Shinrin Yoku) – Stressbewältigung durch Achtsamkeit im Wald“

„Waldbaden“ oder „das Baden in der Waldluft“ ist eine Entspannungsmethode, die aus Japan stammt und sich langsam in Deutschland etabliert. 

Aber brauchen wir eine weitere Entspannungstechnik und warum müssen wir dies den Japanern nachmachen? Durch den Wald spazieren können wir doch auch ohne Anleitung, oder?

Um diese eher skeptischen Fragen zu beantworten, betrachten wir erst einmal, was „Waldbaden“ überhaupt bedeutet und was hinter der Methode steckt.

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehört Stress in den Industrienationen zu den größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts. Die daraus resultierenden Erkrankungen werden so zu einem gesellschaftlichen Problem mit globalem Ausmaß. Ohne dass es uns wirklich bewusst ist, sind wir von der heutigen Welt oft überreizt und überfordert. Dies macht uns anfälliger für Krankheiten.

Um dieses Problem zu lösen, erfahren unterschiedliche Formen der Stressbewältigung eine Renaissance, zusätzlich werden neue Konzepte erarbeitet.

Die Naturtherapie ist ein solches Konzept, das einen präventiven Ansatz verfolgt. Es senkt den Stresspegel und verbessert so die Lebensqualität. Als Nebeneffekt sollen die Kosten stressbedingter Erkrankungen gemindert werden.

Die Methode des Waldbadens oder Shinrin Yoku ist eine Möglichkeit zur Umsetzung dieses Konzeptes.

Im Laufe unserer rund 7 Millionen Jahre andauernden Evolution passten wir uns unserer Umgebung stetig an. Der heutige Zustand im hauptsächlich städtischen Umfeld besteht allerdings erst seit wenigen hundert Jahren. Unsere Gene haben sich in dieser gesamten Zeit aber nur wenig verändert. Da wir den überwiegenden Anteil unserer Entwicklung in der Natur verbrachten, ist unser Körper damit noch an eine natürliche Umgebung angepasst. Damit lässt sich erklären, dass uns der Aufenthalt in der Natur vertraut ist und uns Ruhe schenkt. Teilweise erzielt bereits ein Blick aus dem Fenster ins Grüne eine positive Wirkung auf unser Wohlbefinden. 

Bisher durchgeführte Studien belegen die regenerierende Kraft der Natur im Allgemeinen und die des Waldes im Speziellen:

  • niedrige Lufttemperaturen im Wald steigern die körperliche Leistungsfähigkeit
  • die Reduzierung des `Zivilisationslärms` senkt unsere Stressanfälligkeit
  • spezielle Lichtverhältnisse hellen die Stimmung auf
  • die unterschiedlichen Grüntöne im Wald wirken beruhigend auf das vegetative Nervensystem
  • die Ästhetik des Waldes mit den unterschiedlichen Pflanzen, Bäumen und Pilzen, dem Waldboden, der Erde und seinem Holz wirkt harmonisierend
  • der federnde Waldboden ist wohltuend bei Gelenk- und Rückenschmerzen
  • die ätherischen Öle und Terpene, insbesondere in Nadelwäldern, haben eine erfrischende, desinfizierende und für die Bronchien heilsame Wirkung.

Grundsätzlich ist allein schon der Aufenthalt in der Natur, insbesondere im Wald, wohltuend und stressreduzierend.

Die Methode des Waldbadens steigert diesen Effekt allerdings noch. Beim Baden in der Waldatmosphäre geht es darum, absichtslos zu schlendern und achtsam die Umgebung wahrzunehmen, sich völlig auf die Natur und sich selbst als Teil davon zu konzentrieren. Im Unterschied zum Spazieren bzw. Wandern oder Joggen durch den Wald wird kein konkretes Ziel angesteuert. Es geht vielmehr um die Entschleunigung und die Fokussierung auf sich und seine Umwelt. Also auf das, was wir in unserer technikgesteuerten Welt (Stichwort: Digitalisierung) selten ausleben können. 

Waldbaden ist das Eintauchen in die Natur und das Nutzen ihrer Kraft, um ruhiger und entspannter zu werden. Das Waldbaden erlaubt uns ohne technische Hilfsmittel, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, dadurch den Kopf frei zu bekommen sowie Energie zu schöpfen aus dem Einfachen und Ursprünglichen.

Die wichtigsten Prinzipien des Waldbadens sind Langsamkeit/Entschleunigung und Staunen:

Durch die Langsamkeit erschließen sich viele Dinge, die sich in der Schnelligkeit nicht wahrnehmen lassen. Achtsamkeit benötigt ein gewisses Maß an Ruhe und Gelassenheit, die nicht zu finden sind, wenn alles schnell gehen muss. Langsam durch den Wald zu schlendern bedeutet, sich die Ruhe und Zeit zu nehmen, Dinge genauer zu betrachten und innezuhalten und zwar mit allen Sinnen. Die Geräusche des Waldes bewusst hören, die unterschiedlichen Farbtöne und Lichtspiele intensiv betrachten, wohltuende Luftzüge auf der Haut fühlen, den erdigen, hölzernen Geruch wahrnehmen und, wenn möglich, Früchte des Waldes schmecken oder ein Picknick an der frischen Luft genießen.

Das Stauen ist ein wichtiger Bestandteil des Waldbadens. Wir nehmen viel zu viel als selbstverständlich hin und konzentrieren uns oft auf das Negative. Beim Staunen lernen wir wieder, das Selbstverständliche zu schätzen und das Positive und Schöne darin zu erkennen. Im Positiven und Schönen liegen viele Ressourcen, die jede(r) für die persönliche Entwicklung und Stressbewältigung nutzen kann. 

Nun zurück zu den eingangs gestellten Fragen:

Waldbaden als Entspannungsmethode in unseren Alltag zu integrieren ist sinnvoll und effektiv, denn die Stressbewältigung in der natürlichen Umgebung des Waldes steigert die beruhigende Wirkung auf unseren Körper und unsere Psyche. Die Methode ist zudem einfach umzusetzen, für jede Person zugänglich und kostengünstig, da keine Technik, Geräte oder besonders ausgestattete Räume benötigt werden. Und sie ist mehr als „nur“ spazieren gehen.

Da die Japaner seit vielen Jahren im Bereich der Naturtherapie forschen und das Waldbaden offiziell als Präventions- und Therapiemethode für stressbedingte Erkrankungen auch finanziell fördern, lohnt sich ein Blick auf den Inselstaat und die gezielte Anpassung an unsere Bedürfnisse. Also ja, wir sollten es den Japaner gleichtun und von ihren Erfahrungen lernen.

Literaturauswahl:

Bernjus, Annette (2018): Waldbaden – Mit der heilenden Kraft der Natur sich selbst neu entdecken. mvgverlag.

Li, Qing (2018): Shinrin Yoku – The Art and Science of Forest-Bathing. Penguin Random House UK.

Miyazaki, Yoshifumi (2018): Shinrin Yoku – Heilsames Waldbaden. Irisiana Verlag.

Beitrag teilen